Der Elefantenfuß und die vergessene Kamera

 

Tokina AT-X 300 mm f/2.8 SD

 

Die Z50 lag zuletzt fast nur noch im Schrank. Nicht, weil sie schlecht wäre, sondern weil ich mich in eine andere Richtung bewegt habe: Filmkameras, ältere Digitalgehäuse, Dinge mit Mechanik. Die Z50 war mir dabei immer ein bisschen zu glatt. Sie macht alles richtig und fordert dabei nichts.

Dass ausgerechnet ein Objektiv aus der Mitte der Achtzigerjahre sie wieder aus dem Schrank holt, hätte ich nicht erwartet.


Tokina AT-X 300 mm f/2.8 SD an der Nikon Z50 mit FTZ-Adapter. Hochkant gestellt erklärt sich der Spitzname von selbst.

Das Objektiv

Ein Tokina AT-X 300 mm f/2.8 SD, die manuelle Version. Rund zweieinhalb Kilo, Frontlinse mit gut elf Zentimetern Durchmesser, aufsteckbare Gegenlichtblende mit Feststellschraube. Stellt man es hochkant auf den Schreibtisch, sieht man, warum es bei mir der Elefantenfuß heißt.

Mein Exemplar ist in einem Zustand, den man bei Objektiven dieses Alters selten findet. Kein Schleier zwischen den Linsen, keine verharzte Fokusmechanik, der Fokusring läuft butterweich über den ganzen Weg. Und, was mir fast noch wichtiger ist: Der originale Tokina-Frontfilter sitzt noch drauf, inklusive der originalen Beschriftung auf dem Ring. Ersatz dafür zu bekommen ist praktisch aussichtslos, die Größe ist alles andere als Standard.

Zur optischen Leistung findet man im Netz erstaunlich wenig. Fast jede Suche landet beim späteren AF-Modell AT-X 300 PRO, das eine andere optische Rechnung hat. Über die manuelle Version gibt es viel Lob und wenig Belege.

Das Problem: manueller Fokus an einer DSLR

Die naheliegende Kombination wäre meine D500 gewesen. Sie hat alles, was man dafür braucht: das Menü für Objektivdaten ohne CPU, in das man Brennweite und Lichtstärke einträgt, damit Matrixmessung und Blendenanzeige funktionieren. Danach misst sie sauber, und der elektronische Entfernungsmesser bestätigt den Fokus mit einem grünen Punkt im Sucher.

Nur ist genau das der Haken. Bei 300 Millimetern an DX, also 450 Millimetern äquivalenter Bildwirkung, ist die Schärfentiefe bei Offenblende so schmal, dass ein grüner Punkt keine brauchbare Aussage mehr trifft. Er leuchtet über einen Bereich, der deutlich breiter ist als die tatsächliche Schärfezone. Man trifft damit ungefähr. Ungefähr reicht hier nicht.

Live View mit Lupe funktioniert, bedeutet aber: Kamera vom Auge nehmen, aufs Display schauen, wieder ansetzen. Am Stativ geht das. Aus der Hand ist es keine Arbeitsweise.


Der erste Versuch: das Tokina an der D500. Die Kamera kann alles, was man für ein Objektiv ohne CPU braucht, nur nicht zuverlässig scharfstellen.

Die Lösung lag im Schrank

Eine spiegellose Kamera hat an dieser Stelle strukturelle Vorteile, die keine noch so gute DSLR aufholen kann.

Focus Peaking markiert die scharfen Kanten farbig, direkt im Sucher. Man sieht nicht, dass der Fokus sitzt, man sieht, wo er sitzt.

Die Sucherlupe legt den Ausschnitt vergrößert ins Auge statt aufs Display. Ich habe sie auf die Fn1-Taste gelegt: grob mit Peaking, fein mit Lupe, ohne die Kamera abzusetzen.

Die Belichtungsvorschau zeigt das fertige Bild vor dem Auslösen, samt Histogramm. Bei einem Objektiv, das der Kamera keine Blende meldet, ist das Gold wert.


Ohne Gegenlichtblende sieht man die originale Frontbeschriftung: der Tokina-MC-Filter, der nach vierzig Jahren noch an seinem Platz sitzt.

Eine Nikon-Eigenheit, die keine ist

Jetzt kommt der Teil, den ich vorher nicht wusste und den man auch nirgends sauber erklärt findet: Der Z50 fehlt das Menü für Objektivdaten ohne CPU komplett. Die Zfc hat es, die Z50 II hat es wieder, die Vollformatgehäuse sowieso. Nur der Z50 wurde es gestrichen.

An einer DSLR wäre das ein echtes Problem. Ohne Eintrag fällt die D500 automatisch auf mittenbetonte Messung zurück, egal was man im Menü einstellt.

An der Z50 ist es schlicht egal. Sie misst über den Sensor, nicht über einen separaten Belichtungsmesser im Prismensucher. Was durchs Objektiv kommt, wird gemessen, ganz gleich ob die Kamera weiß, was da vorne hängt. Matrixmessung funktioniert normal, A- und M-Modus ebenfalls.

Der Preis dafür ist ein leerer EXIF-Datensatz: weder Brennweite noch Blende landen in der Datei. Der FTZ-Adapter hat keinen Blendenmitnehmer, die Anzeige bleibt dauerhaft bei F--. Wer das stört, kann die Daten nachträglich eintragen, etwa mit LensTagger in Lightroom. Mich stört es wenig.

Die Einstellungen

Einmal eingerichtet, nie wieder angefasst:

Einstellung

Wert

Focus Peaking

ON, Stufe 2, Rot

Apply settings to live view

ON

Fn1

Zoom on/off, 100 %

Fokusmodus

MF

Belichtungsmodus

A oder M

Auto ISO

ON

Kürzeste Verschlusszeit

1/1000 s

Zur Verschlusszeit: Weder die Z50 noch das Tokina haben eine Stabilisierung. Bei 450 Millimetern Bildwirkung ist 1/1000 s aus der Hand kein Luxus, sondern die Untergrenze.

Und ein Punkt, der wichtiger ist, als er klingt: Die Kamera hängt am Objektiv, nicht umgekehrt. Trageriemen und Stativ gehören an die Stativschelle des Objektivs. Zweieinhalb Kilo am Z-Bajonett plus Adapter sind nichts, was man dem Gehäuse zumuten sollte.


Mit Gegenlichtblende. Die Stativschelle mit dem gerändelten Feststellrad sitzt dort, wo der Schwerpunkt der Kombination liegt, und nicht an der Kamera.

Wie es abbildet

Schon bei Offenblende scharf, und das ist keine Höflichkeitsformel. Bei f/3.2 zieht es sichtbar an, bei f/4 ist es im Optimum.

Die Schwäche liegt woanders: chromatische Aberration an kontrastreichen Kanten. Äste gegen hellen Himmel, helle Motive vor dunklem Grund, Schnee. Die beiden SD-Elemente in der Frontgruppe fangen einen Teil davon ab, aber eben nicht alles. Im direkten Vergleich mit den Konkurrenten seiner Zeit schneidet das Tokina hier am schwächsten ab.

Praktisch ist das heute kaum noch ein Thema. Laterale Farbsäume entfernt jeder RAW-Konverter mit einem Häkchen, und zwar rückstandsfrei. Was 1985 ein Argument gegen ein Objektiv war, ist heute ein Arbeitsschritt, den man nicht einmal bemerkt.

Die Vignettierung bei f/2.8 trifft vor allem Vollformat. An DX schneidet man die kritischen Randbereiche ohnehin weg.

Was bleibt

Eine Kamera, die ich abgeschrieben hatte, hat durch ein Objektiv, das älter ist als sie selbst, eine Aufgabe bekommen, die sie besser erfüllt als alles andere in meinem Schrank. Nicht, weil sie moderner wäre, sondern weil ein elektronischer Sucher beim manuellen Scharfstellen schlicht ein anderes Werkzeug ist als ein optischer.

Die Arbeitsteilung steht damit fest. Die Z50 bleibt am Tokina, die D500 bekommt das 70–200. Zwei Gehäuse, zwei Objektive, nichts umzubauen.

Und der Elefantenfuß bleibt ein Objektiv, das man nicht beiläufig mitnimmt. Aber wenn man es mitnimmt, dann mit Absicht.


Text und Fotos: Frank Meiners, September 2026.

Beispiel Foto aus dem Münster Zoo

 

Sonntag, 20. September 2026

 
 
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