Vom OSSC zum Extron

 

Der Power Mac 7600 lernt HDMI

 

RETRO-MAC · POWER MACINTOSH 7600 · AUGUST 2026

Drei von sechs Grafikkarten verweigerten dem OSSC das Bild — ausgerechnet die drei deutschen. Ein gebrauchter Broadcast-Scaler ändert die Spielregeln, und nebenbei bekommt der 7600 eine neue Doppelbesetzung im PCI-Schacht.

Wer meinen Vergleich der sechs PCI-Grafikkarten für den Power Macintosh 7600 gelesen hat, kennt das ungelöste Problem am Ende des Artikels: Drei der sechs Karten — ausgerechnet die drei deutschen — lieferten über meine Capture-Kette kein stabiles Bild. Formac ProFormance III, VillageTronic MacPicasso 850 und Phase5 G-REX 3D blieben am OSSC stumm oder produzierten Signalsalat, während die amerikanischen Karten von IMS und ATI klaglos durchliefen. Meine Vermutung damals: Die deutschen Hersteller nahmen es mit den VESA-Timings nicht so genau, und die Apple-CRTs der Neunziger waren tolerant genug, dass es nie jemandem auffiel. Der OSSC ist es nicht.

Seit dieser Woche steht ein neues Gerät auf dem 7600, und es verändert die Ausgangslage grundlegend.

Warum ein Broadcast-Scaler statt Retro-Gaming-Hardware

Der OSSC ist ein großartiges Gerät — für Spielkonsolen. Er ist ein Line Multiplier, der Standardtimings erwartet und sie verzögerungsfrei vervielfacht. Genau diese Erwartung ist das Problem: Was nicht ins Raster passt, wird nicht verarbeitet.

Der Extron DSC 301 HD kommt aus einer anderen Welt. Extron baut Signalverarbeitung für Konferenzräume, Hörsäle und Leitstände — Umgebungen, in denen irgendein Zuspieler mit irgendeinem krummen Timing ankommt und trotzdem ein Bild auf der Wand sein muss. Entsprechend robust ist die Eingangsseite ausgelegt: Der analoge RGB-Eingang verarbeitet 15 bis 100 kHz Horizontalfrequenz, tastet Auflösungen bis 1920×1200 pixelgenau ab und nimmt neben RGBHV auch Composite Sync und Sync-on-Green entgegen. Das ist exakt das Toleranzfenster, das meine Karten brauchen.

Neuware kostet das Gerät um die 300 Euro. Gebraucht ist es deutlich günstiger zu bekommen, weil die AV-Branche ihre Installationen regelmäßig auf neuere Modelle dreht und die Altgeräte in den Handel drückt — ein Umstand, von dem Retro-Computing-Projekte wunderbar profitieren.

Der Neuaufbau des 7600

Parallel zum Scaler hat sich im Rechner selbst einiges getan. Die Sonnet Crescendo G4 läuft mit ihren 400 MHz — der Apple System Profiler behauptet zwar munter 486 MHz, aber der misst bei Prozessorkarten notorisch daneben; verlässliche Werte liefern nur die Herstellertools. Der Speicher ist auf 288 MB in allen acht DIMM-Bänken ausgebaut, und im PCI-Bereich stecken jetzt zwei Grafikkarten gleichzeitig: die ATI Rage 128 in Steckplatz C1 als Hauptkarte, die MacPicasso 850 in B1.


Apple System Profiler: G4-Karte, 288 MB RAM, Mac OS 9.1 — die 486 MHz sind eine Falschmessung, real sind es 400

Die Rage 128 stammt aus einem Blue-&-White-G3 und bringt eine Eigenschaft mit, die sie von allen anderen Karten im Fundus unterscheidet: Sie hat keinen Mac-DB15-Anschluss, sondern einen gewöhnlichen VGA-Stecker. Damit entfällt der schaltbare Sense-Code-Adapter komplett — und mit ihm eine ganze Fehlerquelle. Mehr noch: Über die VGA-Buchse liegen die DDC-Leitungen an, und der Extron nutzt das. Er präsentiert dem Mac ein EDID, Mac OS 9 liest es über die ATI-Erweiterungen aus und bietet die passenden Auflösungen von selbst an. Ein Mac von 1996, der per Plug and Play mit einem HDMI-Gerät verhandelt — das hat schon eine gewisse Poesie.


ATI Rage 128 GL (PN 109-57400-00) aus einem Blue-&-White-G3 — 16 MB SGRAM, VGA statt Mac-DB15

Die MacPicasso bleibt trotzdem im Rechner, aber mit neuer Rollenverteilung. Sie ist keine Konkurrentin um den Hauptbildschirm mehr, sondern Spezialistin: Ihr Voodoo-Banshee-Chip beherrscht Glide, die 3dfx-eigene Schnittstelle, für die Ende der Neunziger auch auf dem Mac eine Handvoll Spiele optimiert wurde. Die Rage 128 kann OpenGL und RAVE, aber kein Glide — ein Glide-Titel fiele auf ihr in quälend langsames Software-Rendering zurück. Die Banshee wiederum ist im Wesentlichen ein Voodoo2 mit integrierter 2D-Einheit und führt entsprechend auch Spiele aus, die für Voodoo1 und Voodoo2 geschrieben wurden. Der Wechsel zwischen beiden Welten ist unspektakulär: Rechner aus, VGA-Stecker von der einen auf die andere Karte, Rechner an. Mac OS 9 merkt sich die Einstellungen pro Karte, es gibt nichts umzukonfigurieren.


VillageTronic MacPicasso 850 (V1.1, 1998) — 3dfx Voodoo Banshee unter dem roten Kühlkörper

Die Kette steht — fast

Der aktuelle Signalweg:

7600 ─VGA→ Extron DSC 301 HD ─HDMI→ Cam Link 4K ─USB→ MacBook Air M4

Die ersten Gehversuche liefen mit 720p-Ausgabe, inzwischen steht der Ausgang auf 1080p bei 60 Hz — progressiv, nicht interlaced, denn 1080i mag für Video taugen, aber ein Mac-Desktop mit seinen ein Pixel feinen Fensterrahmen flimmert interlaced unerträglich.


Extron-OSD: Ausgang auf 1080p @ 60 Hz umgestellt

Das Fernziel ist eine komplett skalierungsfreie Kette: Der Mac liefert echte 1920×1080, der Extron reicht sie eins zu eins durch, die Cam Link nimmt sie nativ auf. Kein Zeilen-Umrechnen, keine weichgezeichnete Systemschrift. Das Werkzeug dafür ist SwitchRes 2, ein Shareware-Klassiker von Stéphane Madrau, der an der Modus-Tabelle des Karten-ROMs vorbei eigene Timings definieren kann. Die ersten Experimente laufen — und zeigen zugleich, wie viel Feinarbeit in so einem Timing steckt: Mein erster Versuch produzierte 1929×1083 statt 1920×1080, neun Spalten und drei Zeilen zu viel, und der Extron klassifizierte das Signal prompt als etwas völlig anderes. Genau die Sorte Detail, an der man lernt, was Auto-Detection-Logik in solchen Geräten tatsächlich tut.


SwitchRes 2 meldet 1929 × 1083 — neun Spalten und drei Zeilen zu viel

Treibersuche — und der erste Durchbruch

Inzwischen ist auch die Softwareseite bestückt. Ein Ordner „Graphic Card Driver" versammelt, was die Community-Archive hergeben: die späten ATI-Pakete samt Xclaim-3D-Installern und MPEG Accelerator, die Twin-Turbo-Software in den Versionen 4.0.2 und 4.06, ein Formac-Verzeichnis — und vor allem das komplette VillageTronic-Konvolut. Dessen Herzstück ist Village Post 3.0, ein 246 MB großes StuffIt-Archiv aus dem Fundus von Macintosh Garden, das sich zu über 400 MB Treibern, Utilities und Dokumentation entpackt. Dazu kommen die deutsche Fassung des Kontrollfelds „Monitors & Picasso" und die einzeln paketierten Beschleuniger-Erweiterungen für QuickDraw, QuickTime und — entscheidend für das Glide-Vorhaben — die 3D-Bibliotheken.


Archivarbeit: Village Post 3.0 wird entpackt — daneben die ATI-, Formac-, Twin-Turbo- und VillageTronic-Pakete

Und dann der Moment, für den der Scaler eigentlich angeschafft wurde: VGA-Kabel von der ATI auf die MacPicasso, Kaltstart — Bild. Das Kontrollfeld meldet 1280×1024 in Millions bei 75 Hz, und dieser Screenshot entstand durch exakt die Kette, an der die Karte mit dem OSSC gescheitert war. Die Timing-These ist damit für die erste der drei deutschen Karten bestätigt: Das Signal war nie defekt, es war nur zu eigenwillig für einen Line Multiplier. Dass die Karte mit 75 Hz füttert und der Extron daraus unbeeindruckt seine 60-Hz-Ausgabe macht, gehört zu den Dingen, die ein Broadcast-Scaler nebenbei erledigt.


Monitors & Picasso meldet 1280×1024 in Millions bei 75 Hz — aufgenommen durch die Extron-Kette

Was noch aussteht

Damit rücken die beiden verbliebenen Kandidatinnen ins Blickfeld: Formac ProFormance III und Phase5 G-REX 3D müssen den Extron-Test noch bestehen, bevor die These als vollständig bestätigt gelten darf. Spannend bleibt es ohnehin — sollte eine der beiden auch am toleranten Eingang stumm bleiben, liegt ihr Problem tiefer als in ein paar Prozent Abweichung von der VESA-Norm.

Auf der Glide-Seite ist der Weg jetzt frei: Die Bibliotheken liegen bereit, offen sind der Flash-ROM-Stand der MacPicasso und die Frage, welches Spiel den Anfang macht. Stoff genug für einen Folgeartikel — und für ein Video, sobald die Kette das erste Glide-Spiel aufzeichnet.

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Dienstag, 11. August 2026

 
 
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