450 statt 400 – die heimliche Übertaktung
Eigentlich wollte ich nur meinen Power Macintosh 7600 ein wenig in Schwung bringen – und dabei meine rarere Storm-G3-Karte schonen. Also wanderte eine Sonnet Crescendo G4 mit der Aufschrift 400/1M in den CPU-Slot: 400 MHz G4, ein Megabyte Backside-Cache, eine solide und absolut zeittypische Aufrüstung für eine Maschine, die ab Werk mit einem PowerPC 604e unterwegs war.
Dann startete ich den Apple System Profiler. Und der zeigte mir nicht 400, sondern 450 MHz an.
Das Etikett sagt 400, der Mac sagt 450
Mein erster Gedanke war ein Messfehler oder eine ungenaue Schätzung des Profilers. Aber der ASP misst den Takt real, er liest ihn nicht vom Typenschild ab. 450 waren also 450. Die Frage war nur: Wie kommt eine Karte, die vorne und hinten unmissverständlich „400" trägt, zu 50 MHz mehr?
Wichtig zu wissen: Die Crescendo-Karten holen sich ihren Takt nicht vom Systembus des Wirts-Macs. Sie erzeugen ihn selbst über einen eigenen Quarzoszillator auf der Platine und sind damit vom Bus des 7600 entkoppelt. Genau deshalb läuft so eine Karte in einem 7300, einem 7600 oder einem 9600 immer gleich schnell. Der Kerntakt ergibt sich schlicht aus Oszillatorfrequenz × Multiplikator – beim G4 hier mit dem Faktor 10.
Ein kurzer Blick auf die Platine löste das Rätsel. Unten rechts, neben dem Sonnet-Schriftzug, sitzt ein kleiner Metall-Can. Darauf steht: 45.000M.
45 MHz × 10 = 450 MHz. Da war die fehlende Stufe.
Ein klassischer Period-Overclock
Damit war klar: Meine Karte ist ab Werk eine 400er (Modellnummer PPCG4-400-KIT), aber irgendjemand hat den originalen 40-MHz-Quarz gegen einen 45-MHz-Can getauscht und sie so auf 450 MHz gehoben. Der Oszillator ist eingelötet, kein Stecksockel – hier hat sich also jemand bewusst mit dem Lötkolben hingesetzt.
Das war Ende der Neunziger kein Pfusch, sondern die Standard-Methode, um Crescendo- und XLR8-Karten zu übertakten. Auf Seiten wie xlr8yourmac.com und in den einschlägigen Foren wurde das rauf und runter zelebriert: 400 → 450 → 500, eine Quarzstufe nach der anderen.
Und das Schöne: Wer auch immer das gemacht hat, wusste, was er tat. 45,000 MHz ist eine saubere Katalogfrequenz, und 450 MHz war bei Sonnet sogar eine eigene, regulär verkaufte Modellstufe (es gab das PPCG4-450-KIT). Mein „Overclock" bewegt sich also exakt in einem Bereich, den der Hersteller selbst freigegeben hatte – ein konservativer, gut gewählter Eingriff, kein „mal schauen, wie weit es geht".
Der Zwilling aus dem Netz
So weit, so rund. Dann stolperte ich beim Stöbern über eine zweite Karte zum Verkauf – und die machte aus der Einzelbeobachtung eine richtige kleine Geschichte.
Auch sie ist als Sonnet Crescendo G4 400/1M beschriftet und trägt rückseitig den Aufkleber PPCG4-400-KIT – also ebenfalls eine ab Werk verkaufte 400er. Ihr Oszillator zeigt aber 50.000M, macht 50 × 10 = 500 MHz. Dieselbe Idee wie bei mir, nur eine Stufe weiter getrieben.
Der eigentliche Aha-Moment kam beim genauen Hinsehen: Es ist derselbe Oszillator-Typ wie bei mir. Beide Cans sind mit „TLSI-003" und einer identischen zweiten Zeile beschriftet – nur die Frequenzangabe unterscheidet sich, 45 gegen 50 MHz. Auch der 1-MB-Cache nutzt dieselbe Klasse Samsung-Pipeline-Burst-SRAM. Das ist zu viel Übereinstimmung für Zufall. Vieles spricht dafür, dass beide Karten aus derselben Ecke stammen: derselbe Bastler oder Shop, der seinerzeit eine kleine Serie 400-KITs mit TLSI-Quarzen re-getaktet hat.
Meine Überraschung von vorhin hat sich damit elegant aufgelöst. Meine Karte ist kein kurioser Einzelfall, sondern offenbar Teil einer kleinen Population period-übertakteter Crescendos – 45 MHz für 450, 50 MHz für 500.
Was ich damit mache
Ich lasse sie, wie sie ist. 450 MHz laufen stabil, und genau das war vermutlich der Grund, warum man bei meinem Exemplar bei 45 MHz Schluss machte und nicht den 50-MHz-Can verbaute: Der auf 400 selektierte G4-Kern hat bei 450 seinen verlässlichen Sweet-Spot. Die 500er aus dem Netz ist technisch reizvoll, aber eben auch „nur" ein härter gepushtes 400-KIT – kein werksseitig auf 500 selektierter Chip. Wer sie als echte 500er mit Aufpreis kauft, zahlt für Binning, das so nie stattgefunden hat.
Aus Sammlersicht finde ich die Sache ohnehin reizvoller als störend. Die Karte ist nicht mehr werksoriginal – dafür trägt sie ein echtes Stück Mac-Overclocking-Kultur der späten Neunziger in sich. Und reversibel wäre es jederzeit: ein 40,000-MHz-Can rein, und sie ist wieder die brave 400er, die sie laut Etikett sein sollte.
Technik-Kasten: Wie der Takt zustande kommt
Taktquelle: eigener Quarzoszillator auf der Karte, unabhängig vom Bus des Wirts-Macs.
Kerntakt: Oszillatorfrequenz × 10 → 40 MHz = 400, 45 MHz = 450, 50 MHz = 500.
Backside-Cache: läuft mit halbem Kerntakt (z. B. 225 MHz bei 450, 250 MHz bei 500), bestückt mit zwei Samsung-Pipeline-Burst-SRAMs.
„Externer L2-Cache: nicht installiert" im System Profiler ist kein Defekt – das bezieht sich auf den Inline-Cache-Slot des Mainboards, der bei einer Upgradekarte leer bleibt. Der 1-MB-Cache sitzt als Backside-Cache auf der Sonnet-Karte selbst.
Wichtig für die Praxis: Für stabilen Betrieb (und den aktiven Cache) gehört die passende Sonnet-Treibersoftware ins System.
Sonntag, 21. Juni 2026